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Mittwoch, 16. September 2009

DAS GLETSCHER-GELÜBDE

Vor mehr als dreihundert Jahren legten die Bewohner der Schweizer Dörfer Fiesch und Fieschertal ein Gelübde ab: Sie wollten von nun an gottesfürchtig leben und beten, damit die sie umgebenden drei Gletscher nicht weiter wachsen. Vor allem der Aletsch-Gletscher war bedrohlich nahe an das Dorf herangerückt, der Gletschersee hatte Überschwemmungen, Muren, Tod und Verwüstung mit sich gebracht.

Seither hat sich der Gletscher tatsächlich immer weiter zurückgezogen, das Wüten der Natur war ausgeblieben: „Unsere Gebete wurden erhört“, ist der einheimische Bergführer und Regierungsstatthalter Herbert Volken überzeugt. Die Sorge hat sich aber gewandelt: Mittlerweile schmilzt der Aletsch-Gletscher so schnell, dass um seinen Fortbestand gebangt wird.

Deshalb wandte sich Volken jetzt an den Vatikan, um beim Papst eine Änderung des alten Gelübdes zu erwirken. Damit bei den Bittprozessionen in Zukunft gegen die Klimaerwärmung und für das Wachsen des Gletschers gebetet werden darf.

Erfreulicherweise gibt es auch bei uns viele Menschen, die von der Kraft des Gebets überzeugt sind und die bei den Bitt-Prozessionen vor Christi Himmelfahrt Schutz und Segen bei Gott erflehen: vor Hagel, Blitz und Ungewittern, Feuer und Dürre, Plagen und Katastrophen; und für das Gedeihen der Früchte, ein gutes Klima und Gesundheit von Mensch und Tier.

Aber wie bei den Schweizern wird es auch bei uns notwendig (Not wendend) sein, dass noch mehr Menschen den Wert dieses Bittgebets erkennen und auch selbst daran teilnehmen.

Gertraud Schaller-Pressler

erschienen im Sonntagsblatt, 20.9.2009

Dienstag, 8. September 2009

GÖTTLICHER RUHESTAND

„Das hat mir jetzt glatt viel gegeben“, kehrte unlängst eine Touristin überrascht vom Besuch in der Dorfkirche ihres Urlaubsortes ins Quartier zurück: Sie, die nach eigener Aussage nie in die Kirche geht, war eigentlich vor der Sommerhitze in die Kühle des Sakralraumes geflüchtet, empfand das Verweilen dort aber bald als derart angenehm, dass sie zu ihrem eigenen Erstaunen eine ganze Stunde in Stille verweilte, während ihr ansonsten quirliger Enkel leise und ehrfürchtig den Kirchenraum erkundete.

So viele Menschen bedürfen zutiefst der Erholung und suchen sie oft mit großem Aufwand nur in äußerlichen, lauten, künstlichen oder extremen Erlebniswelten. „Ruhe zieht das Leben an, Unruhe verscheucht es“, bemerkte der Schriftsteller Gottfried Keller. Die Mystiker gehen noch weiter: Für sie ist das Höchste die Ruhe in Gott, der Verzicht auf alles eigene Tun und Wollen und das vollständige Vertrauen auf seine Kraft - eine Versunkenheit, aus der es aber gestärkt zu neuen Taten aufzubrechen gilt: „Ich habe euch bereits gesagt, dass die Ruhe, welche die Seelen in ihrem Innern erfahren, ihnen dazu geschenkt wird, dass sie im äußeren Leben umso weniger Ruhe benötigen und umso leichter darauf verzichten“, mahnte Teresa von Avila, Meisterin des inneren Gebets und rührige Klostergründerin.

Wenn uns also spätestens im Herbst der Arbeitsalltag wiederhat, tröstet uns ein Rat von Angelus Silesius: „Fragst du, was Gott mehr liebt, ihm wirken oder ruh’n? Ich sage, dass der Mensch, wie Gott, soll beides tun.“

Gertraud Schaller-Pressler

erschienen im Sonntagsblatt, 16.8.2009

GETAN & ANGETAN

„Mein Vater Friedrich Gulda hat mir unbedingte Hingabe an die Musik vermittelt“, ließ Paul Gulda im Programmheft wissen, als er im Grazer Stefaniensaal beim Eröffnungskonzert der „styriarte“ als Pianist brillierte: „Leonid Brumberg hat mich die Grundlagen der russischen Schule gelehrt, Rudolf Serkin hat mir zuletzt wahre Güte und Unterstützung geschenkt.“

Wenn wir an unsere eigene Biographie denken: Welche Personen würden wir benennen, die uns auf unserem Weg weitergeholfen haben? Wer hat uns Hingabe vermittelt, an den Glauben, an den Beruf, an ein Hobby? Wer legte unseren Grund? Durch wessen Schule sind wir gegangen? Und wer begleitet uns mit Güte und Liebe?

„Im normalen Leben wird es einem oft gar nicht bewusst, dass der Mensch überhaupt unendlich mehr empfängt, als er gibt“, machte der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer aufmerksam. In einer Zeit, in der der Blick gerne darauf gelenkt wird, was einem im Leben nicht alles an-getan wurde, ist es wichtig, auch bewusst auf das zu schauen, was einem alles getan wurde. Man musste und muss wohl nicht alles selbst schaffen - im Gegenteil, so Bonhoeffer: „Der Wunsch, alles durch sich selbst sein zu wollen, ist ein falscher Stolz. Auch was man anderen verdankt, gehört eben zu einem und ist ein Stück des eigenen Lebens.“

Zugleich lohnt es sich, für andere da zu sein, um vielleicht auch ein wertvolles Stück ihres Lebens zu werden. Auch zum eigenen Besten – denn wie es schon Goethe erkannte: „Wer nichts für andere tut, tut nichts für sich.“

Gertraud Schaller-Pressler

erschienen im Sonntagsblatt, 12. 7. 2009

Montag, 8. Juni 2009

„Heilige“ Gesundheit?

„Im Mittelalter lebten die Menschen länger als wir heute“, erklärte der deutsche Theologe und Bestsellerautor Manfred Lütz beim diesjährigen Pfingstdialog „Geist & Gegenwart“ auf Schloss Seggau. Eine gewagte Aussage, lag doch im Mittelalter die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer bei nur 32 und für Frauen bei nur 25 Jahren.

Manfred Lütz aber meinte, für den mittelalterlichen Menschen zählten nicht nur seine Lebensjahre auf Erden, er wusste auch um seine Zeit im Jenseits. Während heute viele ihr Leben mit dem irdischen Tod beendet sehen, aus und vorbei.

„Viele Menschen glauben nicht mehr an Gott, aber an die Gesundheit“, weiß Lütz aus seiner Arbeit als Psychiater. Und für diese tut man vieles (wallfahren, fasten...), das man früher für den lieben Gott getan hat. Eine gefährliche Entwicklung: Denn wenn in einer Gesellschaft, in der das oberste Ziel Erfolg und körperliche Fitness heißt, der gesunde Mensch der eigentliche Mensch ist, wird ein kranker Mensch und einer, der mit dem irrsinnigen Tempo nicht mehr mithalten kann, leicht zu einem Menschen zweiter Klasse. Das Menschenbild habe sich aber längst verändert, bedauert Lütz, zum Menschenbild dieser „Gesundheitsreligion“, die „die mächtigste und teuerste Weltreligion aller Zeiten“ ist. Und: An ihr darf nicht gerüttelt werden, denn über die Gesundheit geht nichts, während sich Gott hingegen alles gefallen lassen muss.

Deshalb genügt es für uns überzeugte Christen nicht, nur „vor einer christlichen Tapete zu leben“, mahnte Lütz. Wir müssen uns schon klar und deutlich zu Gott bekennen, selbst wenn wir dafür belächelt werden. Und wir müssen Verantwortung für unser Leben übernehmen. Keine leichte Einstellung - aber eine wirklich gesunde. Weil sie das längste Leben überhaupt garantiert: das ewige.

Gertraud Schaller-Pressler


Erschienen im Sonntagsblatt, 7. Juni 2009

Donnerstag, 19. Februar 2009

Besser als Vanillepudding

Sie erzielen in Österreich, England und Amerika Rekordumsätze und sind die Gewinner der Krisenstimmung: Pudding, Milchschokolade und Hausmannskost.
Nicht nur, weil dieses Essen billig ist, sondern „irgendwie glücklich macht, und ein wohliges Gefühl erzeugt – auch weil es oft an die eigene Kindheit erinnert.“
„Das heißt, man fürchtet sich“, erklärte die Motivforscherin Helene Karmasin in der ZIB 2, und da man sich nicht pausenlos fürchten kann, sondern sich auch einmal erholen muss, „wünschen sich die Leute Trost und suchen dafür Mechanismen“: etwa im Anschauen von Filmen, in denen die Zeit „noch ganz heil“ war. Oder auf der kulinarischen Ebene: „Wir nennen es: Der süße Brei“, so Karmasin, „Speisen, die man ohne Zahneinsatz essen kann“ – speziell Vanillepudding mit diesem „Aroma der Kindheit, der Sicherheit und der Unschuld“. Gute-Laune-Essen als Seelenbalsam, voller Glücksmomente von anno dazumal.
Als Christen ist uns aber eine unvergleichlich bessere Quelle der Ermutigung bekannt: der „Gott allen Trostes“, wie schon Paulus dankbar festhält (2 Kor, 1, 3-4), der „uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind“.
Wenn wir uns nicht von den Umständen niederdrücken lassen, sondern von Gott gestärkt neu aufrichten, können wir auch für andere Menschen wie „Seelenbalsam“ und ein gutes Zuhause sein; ein Ferienhaus, in dem sie sich von ihren Sorgen erholen können, weil sie wissen: auch sie sind vom Höchsten geliebt, behütet und umsorgt.

Gertraud Schaller-Pressler

erschienen im Sonntagsblatt, 22.2.2009

Donnerstag, 22. Januar 2009

WIR SIND KAISER

WIR SIND KAISER

Wenn der Kabarettist Robert Palfrader als „Robert Heinrich I. von Österreich“ zur Audienz bittet, folgen auch Prominente gerne seinem Ruf. Als „brave Untertanen“ erscheinen sie in der beliebten ORF-Sendung „Wir sind Kaiser“ vor dem Thron „Ihrer Majestät“, die ihnen alsbald mit Fragen in näselndem Tonfall, je nach Laune gütig oder herablassend, ein Wechselbad der Gefühle beschert.

Denn Robert Palfrader wechselt so schnell zwischen besorgter Nähe („Wie geht’s Ihm/Ihr denn?“) und gleichgültiger Distanz, zwischen Lob und Tadel („Er/Sie muss aber scho’ a bisserl brav sein!“), bis selbst schlagfertige Gäste nicht mehr Herr ihrer Lage und der Willkür des „Kaisers“ ausgesetzt sind.
Dabei drängt sich für uns selbst die Frage auf, von welchen Mächten und (auch eigenen) Launen wir uns leiten lassen, welchen - oft rasch wechselnden – Trends und Meinungen wir folgen.

„Lege keinen so großen Wert darauf, ob dieser Mensch für dich oder jener gegen dich sei, sondern sorge dafür, dass du alles, was du tust, im Namen Gottes vollbringst“, empfiehlt Thomas von Kempen im Buch „Die Nachfolge Christi“.

Es lohnt sich, allem Beginnen und Tun ein demütiges „Mit Gottes Hilfe“ voranzustellen – diesen schönen alten Segenswunsch, den wir nicht nur Niesenden als herzhaftes „Höf Gott“ zusprechen sollten.
„Wie groß auch der Kaiser ist, er regiert doch nicht den Himmel“, sagt man in China. Friedrich Schiller, dessen 250. Geburtstag wir heuer feiern, würde wohl hinzufügen:„Hilft Gott uns nicht, kein Kaiser kann uns helfen.“

Gertraud Schaller-Pressler

erschienen im Sonntagsblatt, 18.2.2009

Mittwoch, 10. Dezember 2008

DIE NEUE KRIPPEWELLE

„Viele Reisegruppen, aber auch Scharen von Kindergarten- und Schulkindern haben sich bei uns angekündigt“, freuen sich dieser Tage im ganzen Land die Organisatoren von Krippenausstellungen. Zeit, einmal jene KunsthandwerksmeisterInnen zu bedanken, die Stunden über Stunden mit größter Liebe zum Detail Krippen herstellen und instand halten und die oft schon seit Monaten mit höchster Sorgfalt jene Miniatur-Landschaften aus Moos und Wurzelwerk aufbauen, in denen schließlich die Häuser und Figuren Platz finden.

Denn sie führen damit „groß und klein“ das Christkind vor Augen, ermöglichen es nicht nur Kindern, sich schauend und staunend in das Weihnachtsgeschehen hinein zu leben und für ihr Leben etwas mitzunehmen. Es lohnt sich, eine Krippenausstellung zu besuchen, und auch, selbst einmal eine Krippe zu basteln, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Zählt man schließlich noch die Krippen in unseren Kirchen und Familien zusammen, die oft über Generationen weitergebaut und als kostbare Schätze gehütet werden, kommt man auf zigtausende Darstellungen des Wunders von Bethlehem.

Wie nun die Krippe ursprünglich eine Vertiefung in der Erde war und später zum Futtertrog wurde, in den man im Winter Nahrung legte, so stellen unsere Weihnachtskrippen ebenso eine Vertiefung dar, die den Glauben an die Geburt Christi auch in kargen Zeiten nähren. Und wie aus jeder Krippe ein anderes Jesukind herausschaut, möchte Gott in einem jeden von uns Mensch werden, aus welchem Holz wir auch geschnitzt sind.

Gertraud Schaller-Pressler

Erschienen im Sonntagsblatt, 7.12.2008

Mittwoch, 26. November 2008

GLOCKENGUSS UND MYSTISCHES BIM-BAM

AUS EINEM GUSS
Im „Lebensjahr 2008“ erhielt die Stadtpfarrkirche Graz als Ersatz für eine schadhafte Glocke die neue „Lebensglocke“.

Innsbruck, Freitag, 15 Uhr, Todesstunde Jesu - von nah ertönen die Glocken der Stiftskirche Wilten … Kaum hat Bischofsvikar Stadtpfarrpropst Dr. Heinrich Schnuderl das Segensgebet zu Ende gesprochen, rufen die Glockengießer ein herzhaftes „In Gottes Namen!“ aus und beginnen ebenso kraftvoll wie behutsam die glühende, 1150 Grad Celsius heiße Bronze in jenen tonnenartigen Behälter zu gießen, der die Form für die neue, 745 kg schwere „Lebensglocke“ der Grazer Stadtpfarrkirche umschließt; ein erhabener, fast mystischer Moment der konzentrierten Stille, begleitet nur vom Zischen des feurigen Metalls und vom Rauschen des riesigen Schmelzofens im Hintergrund. Und ein nahezu archaischer anmutender Anblick: Denn selbst wenn die Tiroler Arbeiter als Hitzeschutz Schurze aus Teflon tragen (dasselbe Material, das sich in unseren Bratpfannen befindet), und der gewünschte Glockenton schon im voraus von Computern auf das Sechzehntel des Halbtons(!) genau berechnet wurde: das Verfahren ist immer noch dasselbe wie anno 1599, als die Familie Grassmayr mit dem Glockengießen begann:

Schon damals wurde aus Ziegel und Lehm der innerste „Glockenkern“ gebaut, dann mittels einer Schablone die zukünftige Glocke vorgeformt und mittels Wachs Filigranes wie Heiligenbilder und Inschriften aufgetragen (in unserem Fall Motive des Künstlers Josef Fürpaß.) Die dritte Schicht, der „Mantel“, entstand wiederum aus Lehm. Nach dem Trocknen wurde die „falsche Glocke“ in der Mitte entfernt und damit der Hohlraum für den Guss geschaffen. Anschließend grub man die Glockenform fest in die „Gussgrube“ ein, damit der Druck des heißen Metalls die Glockenform beim Gießen nicht zerstören konnte. Vier Tage später wurde die Glocke herausgeholt, von der Lehmform befreit, mit Hammer und Meißel entlang der Gussnähte vorsichtig ziseliert, gereinigt und mit Wasser und Sand geschliffen. Und zu allerletzt überprüfte man – es war der spannendste Moment - mit Stimmgabeln den Ton. Heute ist es ebenso.

Das Ritual des Glockengießens, ein Schauspiel, das nicht nur gefährlich aussieht, wiederholt sich an diesem Nachmittag noch mehrmals, immerhin gilt es elf Glocken für fünf Länder zu gießen − Schwerstarbeit für die Männer, auf die im Anschluss die traditionelle „Gussjause“ wartet. Alle übrigen, die Pate standen, werden mit einem „Guss-Schnapserl“ gestärkt, bevor sie die Heimreise antreten, voll Vorfreude auf den prachtvollen Klang. Und vom Seniorchef des Hauses noch mit dem Hinweis auf Friedrich Schillers berühmtes „Lied von der Glocke“ verabschiedet: „Nur ewig und ernsten Dingen / Sei ihr metallner Mund geweiht, / Und stündlich mit den schnellen Schwingen / Berühr' im Fluge sie die Zeit…“.

Am Nationalfeiertag, Sonntag dem 26. Oktober um 9.30 Uhr, wurde die neue Lebensglocke in der Grazer Stadtpfarrkirche geweiht, in der Nacht aufgezogen und am Montag erstmals erschallen: ein noch immer berührender, feierlicher Moment: „Dass sie in das Reich des Klanges / Steige, in die Himmelsluft! / Ziehet, ziehet, hebt! / Sie bewegt sich, schwebt! / Freude dieser Stadt bedeute, / Friede sei ihr erst Geläute.“


Mystisches „Bim-Bam“
Vielleicht haben Sie es auch schon erlebt, dass Sie ein- und dieselben Glockenklang bei einer Hochzeit oder zu Weihnachten als feierlich und fröhlich empfinden, bei einem Begräbnis hingegen mahnend und traurig. Den Glockenfabrikanten ist dieses dieses „mystische Phänomen“ bekannt und sie können es auch erklären: Glocken sind Musikinstrumente, die in ihrer komplexen Struktur bis zu 50 Töne erklingen lassen. Jener markante Ton, der beim Anschlagen der Glocke erklingt, heißt in der Fachsprache „Schlagton“ oder „Nominalton“. Dieser Schlagton lässt sich jedoch weder mit einem physikalischen noch einem elektronischen Gerät messen: Er ergibt sich erst aus der Vermischung aller „echten Töne“, d.h. er existiert eigentlich gar nicht und stellt eine akustische Täuschung dar. Wenn wir nun Glocken läuten hören, hören wir – bei guten Bronzeglocken - je nach Stimmungslage aus diesem gesamten Klangspektrum bei feierlich-fröhlichen Anlässen die hellen Dur-Akkorde heraus, bei traurigen Anlässen und getrübter Gemütslage die dunklen Moll-Akkorde. Diese subjektive Wahrnehmung beider Stimmungen drückt der Kindermund mit seinem hell-dunklen „Bim-Bam“ gut aus. Und auch das slowenische Sprichwort hat recht, das besagt: „Jeder denkt, dass jede Glocke seine eigenen Gedanken widertönt.“

Gertraud Schaller-Pressler

Erschienen im Sonntagsblatt, 19.10.2008

MUSIK, die Poesie der Seele

Als Königin Sofia von Spanien vergangenen Sonntag ihren 70. Geburtstag feierte und damit in den Mittelpunkt des Interesses rückte, benannte sie, die selbst Klavier spielt, als eine ihrer Kraftquellen „die klassische Musik“. Sie ist „für mich die Poesie der Seele“, sagte Sofia, „ich könnte nicht ohne sie leben.“

Musik und Gesang können in Zeiten schwerer Schicksalsschläge unsagbar viel Kraft geben. Denn sie vermögen durch Leid hindurch zu tragen, wie jene Chorsängerin und Mutter, die am Sarg ihres Sohnes mit dem Lied „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ lichte Hoffnung zugesprochen bekam, die sie zutiefst dankbar entgegennahm. „Die Berührung zwischen Gott und der Seele ist Musik“ spürte schon Bettina von Arnim. Es ist an uns, dieses Geschenk zu erkennen und anzunehmen.

Unzählige Chorsängerinnen und –sänger, Musikerinnen und Musiker, von kleinen Kindern bis zu betagten Senioren, „opfern“ viele Stunden ihrer Privatzeit, um Werke einzustudieren, die uns aufbauen können, nehmen oft weite Anfahrtswege ebenso in Kauf wie Proben in eisig kalten Kirchen.

In diesem ausgehenden Jahr haben wir noch eine Fülle an Möglichkeiten, Konzerte und musikalisch besonders gestaltete Gottesdienste zu besuchen. Als ein Zeichen der Wertschätzung - auch uns selbst gegenüber, denn „Musik heilt, Musik bringt Freude, Musik tröstet“, so Yehudi Menuhin: „Jeder von uns, sei er nun ein ausübender Musiker oder ein Zuhörer, hat das schon viele Male erlebt.“

Gertraud Schaller-Pressler

Erschienen im Sonntagsblatt, 9.11.2008

HERZZEIT

UHREN UMSTELLEN AUF HERZZEIT

Wenn an diesem letzten Sonntag im Oktober von der Sommer- auf die Winter- und damit auf die „Normalzeit“ gewechselt wird, heißt es wieder, die Uhren umzustellen und damit eine Stunde zu „gewinnen“. Zeit und der richtige Umgang mit ihr nehmen längst einen enormen Stellenwert ein.

Neben den vielen tickenden Uhren auf unseren Handgelenken und in der Außenwelt gibt es aber auch „Uhren tief in uns“, wie Paul Celan im Gedicht „Herzzeit“ notiert.

Diese Uhren haben Zeiger für unsere innere Erlebniswelt mit all ihren Hoffnungen, Träumen und Erinnerungen, für diese „gefühlte“ Zeit, in der Menschen sich vereint wissen, auch wenn sie fern voneinander sind, und in der auch Verstorbene noch immer lebendig sind und da.

Diese „Herzzeit“, die zu Allerseelen besonders aufleuchtet, kann uns Menschen deshalb so unendlich miteinander verbinden, weil sie bereits Zeit hinter der Zeit ist, Ewigkeit.

„Die Zeit ist stehen geblieben“, sagt man deshalb nicht zufällig, wenn jemandes Herz zum Stillstand kommt und einem darüber das eigene Herz „stehen bleibt“.

Es ist ein alter Brauch, dass wenn ein Mensch verstirbt, seine Uhr abgestellt wird. Wenn jemand unerwartet und in weiter Ferne verstirbt, kommt es auch immer wieder vor, dass die Uhren der Menschen, zu denen sie eine ganz besondere Herzensverbindung hatten, von sich aus zum Stillstand kommen.

Wie tröstlich ist es, zu wissen, dass bei Gott eine neue Zeit beginnt mit der Verheißung
„kein Auge hat es geseh’n, kein Ohr hat es gehört, was Gott denen bereitet, die ihn lieben“.

Gertraud Schaller-Pressler

Erschienen im Sonntagsblatt, 26.10.2008

Mittwoch, 17. September 2008

TAUSCHE LEBEN

„Mein neues Leben XXL“, „Tausche Familie“, „Du bist, was du isst“, „Liebesg’schichten und Heiratssachen“... Es gibt viele Fernsehserien, die Tag für Tag und Woche für Woche zigtausend Menschen vor den Bildschirm locken.

Denn immer neue Sendeformate widmen sich dem ganz normalen Alltag von Leuten wie du und ich: wie sie kochen, ihren „Job“ suchen, ein Haus bauen, mit der Familie leben, ihre Kinder erziehen, abnehmen, sich streiten, sich verlieben oder einsam sind. Als Zuseher verbringt man mitunter viele Stunden damit, fremden Menschen einfach bei ihrem Leben zuzuschauen

Vielleicht, weil diese Sendungen („Reality Shows“) uns wie Ausschnitte aus der Wirklichkeit vorkommen, die uns zeigen, wie es den anderen wirklich geht. Und wo wir selbst dabei zu stehen kommen. Permanenter Vergleich macht aber nicht immer sicherer, er verwirrt.

„Ich hatte tausend Leben und nahm nur eins!“, heißt es in einem lesenswerten, jüngst erschienenen Buch.

Es gibt dieses eine Leben, das allein für mich bestimmt ist und das einzig ich leben kann. Das alle meine Möglichkeiten nicht nur einschließt, sondern erst richtig zur Entfaltung bringt. Es findet sich jedoch nicht irgendwie und irgendwo, sondern allein in Jesus Christus.

„Ach, dass ich dich so spät erkannte“, bedauerte Augustinus schon vor Jahrhunderten. Wie alle Heiligen führt er uns vor Augen, wie wertvoll und kostbar jede Stunde unseres Lebens ist, die wir Gott schenken – als ein unvergleichliches Da-Sein, das auch wir letztendlich mit nichts mehr tauschen wollten.

Gertraud Schaller-Pressler

erschienen im Sonntagsblatt, 21.08.2008

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